Deutsche Postautomation

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5. Fortsetzung  20.11.2016      TIETZ  WARENHÄUSER
Konzeraufbau der Familie Tietz

Während der Münchener Zeit sammelte Oscar Tietz nicht nur Erfahrung und Geld sondern expandierte auch erstaunlich entgegengesetzt nach Norden und eröffnete ein Warenhaus  zunächst in Hamburg 1896 am GROSSEN BURSTAH  12-14. Folgend die Ansichtskarte gestempelt im Jahr 1904 und in der Mitte das Warenhaus Tietz.

Zog es Oscar von Süden (München) nach Norden (Hamburg), so ging Leonhard von Osten (Stralsund) nach Westen (Elberfeld)  und hatte dort zunächst in der Herzogstraße eine kleinste Dependance im Jahr 1889 eröffnet unter der Leitung seines Schwagers MAX BAUMANN. Nach äußerst erfolgreichem Start in der aufstrebenden Textil- und Industriestadt wurde rasch  eine Erweiterung  erforderlich  und dazu wurde ein Warenhauskomplex am Neumarkt geplant.
                                       
                                 auf der Ansichtskarte das auserkorene Gelände für den Neubau von Leonhard Tietz

Leonhard und Oscar planten reichsweit auf der Suche nach guten Standortmöglichkeiten für ihre zukünftigen Warenhauspläne und bevorzugten Geschäftslagen in Städten mit entsprechender Größe und  Lage mit zu erwartendem Besucherandrang. Dabei expandierte man  tunlichst in Absprache, um unnötige eigene Konkurrenz zu vermeiden und beteiligte  Familienangehörige als Vertrauensleute in verantwortlicher Position.

TIETZ  sollte das Synonym werden für ein  gutes, preiswertes  und breit gestreutes Warenangebot und dabei reichsweit aufgestellt,  dahinter waren aber durchaus unterschiedliche familiäre  Besitzer und Gesellschaften etabliert. Im Fall von Leonhard Tietz  wurde zunächst eine  familiäre Kommanditgesellschaft mit Schwägern und Cousins im Jahr 1892 gegründet und daraus eine Aktiengesellschaft ab dem Jahr 1905 entwickelt. Eine klare Gesellschaftsstruktur  war somit gegeben  und erkennbar. Die weiteren  familiären Aktivitäten sind durchaus differenzierter zu betrachten, gewünscht war aber prinzipiell die reichsweite  Etablierung  für die Bevölkerung  eines Warenhauskonzeptes unter dem einheitlichen Begriff TIETZ.

Es steht schon die Frage im Raum, warum Oscar Tietz im Jahr 1896 im obigen Beispiel von Hamburg, Großer Burstah schon das 3. Warenhaus unter HERMANN TIETZ eröffnet. Sicherlich war in Gera der Onkel auch zunächst noch finanziell beteiligt, wurde gut abgefunden und stand dem Ehepaar Oscar und Betty fortan dennoch tatkräftig zur Seite.

Der nüchterne  und wagemutige Geschäftsmann Tietz führte seine Warenhäuser  stets aber unter Hermann Tietz. Sentimental bezüglich des ersten Erfolges in Gera? Oscar kein Name für ein Weltunternehmen? Freihalten von Oscar als Alternative bei Scheitern unter Hermann?  Die Sache bleibt wohl ungeklärt.

Aber mit dem Namen Tietz sind in der Warenhausszene zunächst weitere Strukturen in den Handelsregistern vermerkt und diese stammten aus der „reichen Linie in Birnbaum“ mit den Brüdern Hermann, Chaskel, Julius, Heinrich und Markus (dem Alter nach sortiert). Vorgestellt wurden schon die  Gebrüder Tietz mit ihrer Handelsgesellschaft zunächst gegründet in Birnbaum und verlegt nach Berlin in die Klosterstraße 64.

Direkt rechts  auf der Ansichtskarte der Neubau von 1904 der Gebrüder Tietz in der Berliner Klosterstraße, das Haus blieb im Krieg unzerstört und wurde nach der Arisierung  in der Nachfolgegesellschaft Verwaltungsgebäude der Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH  und beherbergte wohl zu DDR – Zeiten noch den Ministerrat. Steht mit seiner Jugendstilfassade unter Denkmalschutz und dient aktuell der Verwaltung in Berlin. Dazu ein Frontbild aus Wikipedia.


Der Warenhauserfolg ihrer Neffen Leonhard und Oscar  überzeugte die „Onkelbrüder“  mit ihren  konservativen Handelsvorstellungen zum eigenen Einsatz im und mit diesem modernen TIETZ  - Handelskonzept  über den Textilbereich hinaus bis hin zum Vollsortiment.
In Greiz gründete Julius Tietz 1883 das Geschäftshaus Tietz und dies seltsamerweise unter dem Namen Heinrich Tietz und unter diesem Namen lief das Kaufhaus bis Januar 1939.

                                                                          Lithografie gestempelt in Greiz 14.12.1901

                                          der Neumarkt in Greiz auch mit Werbung in der Giebelwand Heinrich Tietz

Im Jahr 1884  brachte Leonhard Tietz schon von Stralsund aus die Niederlassungen in Amberg und Schweinfurt auf den Weg, bevor er in der Textil- und Industriestadt in Elberfeld  einen weiteren Sitz in Westfalen etablierte. Hier war er äußerst erfolgreich und orientierte sich zukünftig in familiärer Abstimmung auf den Westen bis hinein nach Belgien (s.später).

Die Niederlassung in Schweinfurt erfolgte ebenso wie 2 Jahre später in Bamberg und Coburg unter dem Namen H & C TIETZ. Hier waren wohl Heinrich und Chaskel aus Prenzlau  vermutlich mitinvestiert und gaben den offiziellen Geschäftsnamen. Chaskel Tietz war aber im Gegensatz zu den Brüdern Heinrich, Julius, Hermann und Markus  nicht selbst im Textilgeschäft im Einsatz und blieb wohl bei seinem Altwarenhandel in Prenzlau und die Leitung in Schweinfurt lag in den Händen des Schwagers Sally Baumann von Leonhard Tietz.


Der „Familienkonzern Tietz“  bedachte Geschäftsführungen und Besitzanteile  häufig aus dem Kreis  der Neffen und Schwäger  und auch Geschäftstausch war gelegentlich sogar  angesagt und z.B. wurde der Standort Schweinfurt von Leonhard Tietz später gegen Mainz getauscht und hier war sein Vetter Willy Pintus Garant für den geschäftlichen Erfolg  und der Standort Schweinfurt ging an den Onkel Markus.

Auch hier dokumentiert der Absenderfreistempel die Arisierung zur WESTDEUTSCHEN KAUFHOF AKKTIENGESELLSCHAFT vormals Leonhard Tietz AG  der Zweigniederlassung Mainz.

6. Fortsetzung  26.11.2016      TIETZ  WARENHÄUSER
Aufbau Familienkonzern Tietz

Ebenso erfolgte im Jahr 1886 die Niederlassung in Nürnberg auf Geschäftsinitiative  von Hermann und Oscar Tietz und firmierte hier unter H. Tietz und Co. und Heinrich und Julius Tietz waren  hier  vor Ort im Textil- und  später mit Vollsortiment eines Warenhauses  geschäftsführend im Einsatz.

                                                             oben Reklamemarke Kaufhaus H. TIETZ & Co NACHF.

Reklamemarken gab es zunehmend zahlreich in der 2. Hälfte des 19.Jahrhunderts, hatten um die Jahrhundertwende bis in die 20er Jahre  ihre Blütezeit und wurden lebhaft gesammelt bis hin zum Ausstellungswesen und waren neben der Philatelie und den Ansichtskarten damals durchaus „gleichberechtigt“  in der Sammlerwelt etabliert.

Mit dem oben vermerkten Nachfolger in der Reklamemarke wird schon die Übergabe festgehalten aus dem Jahr 1905. Trotz guter Geschäftslage wurde im besagten Jahr an Ludwig Levy verkauft, der das Warenhaus weiter  unter TIETZ  führte und die Reklamemarke dokumentiert den vergrößerten Umbau am heutigen Ludwigsplatz. Die verwitwete Ehefrau Louise  konnte auch mit arischem Ehemann Theodor Hartner  und neuem Geschäftsnamen „Kaufhaus Weißer Turm“ der NS- feindlichen Hetze nicht entgehen und nach erzwungener Trennung von ihrem Mann im Jahr 1938  erfolgte ihr Suizid! In den ersten Nachkriegstagen ging das Haus  wohl durch Brandstiftung in Flammen auf  und der Wiederaufbau gelang dem Sohn von Ludwig Levy, der das Warenhaus dann 1988  an die Firma Wöhrl abgab.

Florierende Unternehmensnamen wurden und werden in der Wirtschaft auch bei Besitzerwechsel für die Kundschaft auch heutzutage häufig nicht gewechselt!

Schon im Jahr 1885 hatte Julius Tietz auch in Plauen eröffnet und an dieser Stelle sollen schon einmal beispielhaft bauliche Veränderungen im Rahmen einer Geschäftsentwicklung  bei Tietz vorgestellt werden. Nachfolgend eine Lithografie  von Plauen  im Vogtland.


Julius Tietz firmiert noch das Geschäftshaus  und der zukünftige Anbau nach rechts fehlt noch und dazu ein Detailausschnitt aus der vorstehenden Lithografie.

Die folgende Ansichtskarte  wurde übrigens unten nicht gekürzt, sondern die Abbildung des Dachturmes war wohl dem Verlag wichtiger als der Bürgersteig und erkennbar ist der erste Erweiterungsbau  zur rechten Seite.

Im  folgendem Ausschnitt sind im oberen Gebäudesims erkennbar folgende Schriften Julius Tietz mit Kleiderstoffen, Baumwollwaren und wohl noch Wäschesortiment.

Tietz in Plauen, soll schon einmal an dieser Stelle beispielhaft die wechselhafte Warenhausgeschichte im Laufe der Zeit vorstellen und  damit durchaus auch ein Kapitel  deutscher Geschichte. Folgend Reklamezettel  Waarenhaus Julius Tietz, Plauen

Apropos Damen – Putz, die heute noch eher als Modistin fortgeführte Berufsbezeichnung des  alten Ausbildungsberufes der Putzmacherin spez. als Damenhütemacherin, gibt begrifflich unserer Jugend sicherlich große Rätsel auf.
Auch bei Julius gab es dann schon einen Erfrischungsraum für die  ermüdeten Besucher nach langer Suche im ausgebreiteten Warensortiment spez. für auswärtig Angereiste.

Die folgende Zusammenstellung belegt  die Abgabe des Warenhauses von Julius an den Neffen Oscar  und dies erfolgte wohl aus Altersgründen im Jahr 1905 und zu erkennen ist der großzügige Erweiterungsbau  an der Bahnhofstraße in Richtung Cafe Trömel. Dazu wurden allein 6 Nachbargrundstücke einbezogen. Julius Tietz starb am 25.2.1911 und erlebte die Fertigstellung des Neubaus nicht mehr.

Auch in diesem Fall firmiert auf der Ansichtskarte Oscar Tietz mit seinem Warenhaus in üblicherweise unter Hermann Tietz und dazu noch ein Ausschnitt einer Francotyp – Stammkarte mit Datum des Vorersttages des Freistemplereinsatzes   vom 25.3.1929 unter Hermann Tietz  und was man braucht, kauft man bei Tietz.

An dieser Stelle noch einmal der Hinweis, dass Francotyp-Stammkarten den werksseitig erstellten Freistempelabschlag  in der Regel vom Vorersttag dokumentierten und Unikate darstellen.


7. Fortsetzung  03.12.2016      TIETZ  WARENHÄUSER
Fortsetzung Aufbau Familienkonzern Tietz

Die folgende vollständig abgebildete Francotypstammkarte  mit  dem Freistempelabschlag der Hermann Tietz  Niederlassung in Plauen mit Vorersttag vom 25.3.1929 dokumentiert  die schicksalhafte Historie des Warenhauses  im weiteren Verlauf der deutschen Geschichte. Schon ab Juli 1933 schufen die Nationalsozialisten entsprechend ihrer angekündigten  Absicht zur Enteignung der jüdischen Kaufhauskonzerne durch Arisierung für die betroffenen Familien entsetzliche  Wirklichkeit. Im 25- Punkteprogramm der NSDAP vom 24.2.1920 war unter Punkt 16 die Enteignung sozusagen schon avisiert worden. Hans Buchner als Wirtschaftsfachmann der NS  mit Hetzschriften im Völkischen Beobachter des NS – Verlages Ehler und Robert Ley als Reichsorganisationsleiter mit seinen Hetzreden griffen die antisemitischen Anfeindungen in Deutschland vom ausgehenden 19. zum 20. Jahrhundert auf und bereiteten den Boden (weitere Details noch an späterer Stelle) zur Enteignung jüdischen Eigentums. Interessant ist in der Francotypkarte noch der Werbeeinsatz im Absenderfreistempel  vom 29.9.1933 mit Das Kaufhaus für Alle! Hermann Tietz & Co. während in der Zentrale in Köln aus  Leonhard Tietz  schon Westdeutsche Kaufhof AG  zu diesem Zeitpunkt resultierte. Umbenannt wurde der Klischeeeinsatz mit der Weiterführung in Plauen ab 16.5.11.35 unter HAUS VOGTLAND HERTIE – ZWEIGNIEDERLASSUNG und  HERTIE war nach Arisierung der Hermann (Oscar) Tietz Warenhäuser die neue Kennzeichnung mit dem Geschäftsführer Georg Karg geworden.

Die Rückseite der Stammkarte verrät den weiteren Ablauf mit der Einführung des Werbeeinsatzes am 18.3.1937 in den Absenderfreistempel unter Union Vereinigte Kaufstätten GmbH  der Fortsetzungsgesellschaft der Hertiehäuser und 1942  wurde G. Karg auch Besitzer durch Erwerb der Dresdner Bank Anteile. Unter Hertie – übrigens ein alter Eigenname schon unter Oscar Tietz -  firmierten auch nach 1937 noch teilweise die betroffenen Warenhäuser.
Dazu eine Ansichtskarte aus der Phase der Union Vereinigte Kaufstätten GmbH Plauen im Vogtland  und eine Geschäftspostkarte mit entsprechendem Absenderfreistempel  mit Datum vom 27.9.1940.


In den Kriegszeiten wurde die Union – Kaufstätte in Plauen das ehemalige Tietzhaus  teilweise zerstört und im Jahr 1948 konnte hier in der sowjetischen Besatzungszone eine Wiedereröffnung erreicht werden zunächst unter der „Konsumgesellschaft Einheit“.  Weitere Umbaumaßnahmen erfolgten und im Jahr 1965 wurde das Kaufhaus unter „Konsument Warenhaus“ weiter geführt. Dazu folgende Ansichtskarte mit einer Nachtszenenaufnahme und Konsument – Lichtreklame. Ferner auch ein passender Geschäftsbrief als Wirtschaftsdrucksache vom Konsument Versandhaus aber mit Gummistempel vom Auslieferungslager Plauen der Konsum- und Versandhaus  Organisation  Karl-Marx-Stadt.

Im Rahmen der Wiedervereinigung wurde 1990 das Joint Venture „HORTEN – KONSUMENT“ gebildet und 1991 wurde in Plauen  das ehrwürdige Warenhaus von ehemals Julius Tietz  als Hortendependance geführt.

                                          Dazu eine Ansicht  der „Hortenphase“ aus einer älteren Wikipediavorstellung

Im Dezember 2000 wurde das Kaufhaus geschlossen  und dient aktuell nach Umbau im Verwaltungsbereich der Stadt Plauen (Landratsamt).

Nach der beispielhaften Entwicklung in Plauen bedarf es aber auch der Vorstellung am Standort Bamberg aus der  Entwicklungsphase des initialen Familienkonzeptes um die  Zeit der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert und hier tritt auch ein weiterer und jüngster „Onkelbruder“ von Leonhard und Oscar mit Markus Tietz  in Erscheinung mit einer zusätzlichen sehr erfolgreichen Warenhausentwicklung. Die Niederlassung erfolgte in Bamberg im Jahr 1886 unter dem Namen H. & C. TIETZ. Hier waren wohl wieder Heinrich und Chaskel aus Prenzlau  mitinvestiert und gaben den offiziellen Geschäftsnamen. Chaskel Tietz war aber im Gegensatz zu den Brüdern Heinrich, Julius, Hermann und Markus  nicht selbst im Textilgeschäft im Einsatz und blieb bei seinem Altwarenhandel in Prenzlau. Nachfolgend Ansichtskarte des Warenhauses Tietz in Bamberg mit dem Neu- und Erweiterungsbau aus den Jahren 1908/10. Das alte Geschäftshaus wurde abgerissen und mit gekauften benachbarten Grundstücken  wurde der großzügige Neubau  möglich und eine attraktive  und beliebte Einkaufsstätte für die Bamberger Bürger und das Umland.

Anfänglicher Geschäftsführer wurde in Bamberg Hermann Wronker, der seine Ausbildung zum Kaufmann ebenfalls in Prenzlau bei den Gebrüdern Tietz  erfolgreich abgeschlossen hatte und zudem ein Neffe von Leonhard und Oscar Tietz war. An dieser Stelle kurz ein Ausblick auf Wronker. Er startete erfolgreich für Tietz in Bamberg (wohl auch noch in Coburg). Dies beflügelte ihn wohl  schon nach kurzer Zeit mit seinem älteren Bruder Simon selbst zum erfolgreichen Warenhausgründer zu werden und dazu zwei der frühen  Wronker - Niederlassungen in Mannheim und Frankfurt.

Dazu Detailausschnitte  aus Mannheim und Frankfurt. Nach Aus- und Umbau sollte Wronker  übrigens in Frankfurt auf der Zeil einmal das größte Warenhaus der Stadt werden.

                                                    Komusina Absenderfreistempel  Wronker Frankfurt vom 3.12.1932

Ob der Wille von Markus Tietz  entscheidend war in Bamberg das Warenhaus  schon 1887 zu übernehmen oder der Fortgang von Wronker den Ausschlag ergab, die Familie Markus Tietz zog jedenfalls nach der Gründung rasch nach Bamberg und startete von hier im Familienkonzern äußerst erfolgreich weitere Warenhausgründungen unter  der Firmierung H. & C. Tietz  spez. mit dem Standort Chemnitz und wurden sozusagen die 3. bedeutende familiäre Etablierung neben Leonhard und Oscar, wenn auch nicht in diesem ganz großen Stil. Markus Tietz verstarb allerdings recht früh mit 52 Jahren und seine Witwe Julie (ihre Schwester war mit Leonhard Tietz verheiratet)  führte das Haus in Bamberg erfolgreich fort mit Unterstützung ihre Schwiegersohnes Gustav Gerst. Julie Tietz zog sich zunehmend aus dem Geschäftsleben zurück und war weiterhin anerkannt wohltätig in ihrer Stadt tätig. Unter den Nationalsozialisten lief das Warenhaus erstaunlich noch unter der Führung von Siegfried Simon bis zum Jahr 1938 und wurde auch auf Druck des Bamberger Einzelhandels 1938 geschlossen. Eine Fortführung nach Arisierung unter deutscher Regie fand in diesem Fall wohl nicht statt!  Der Vollständigkeit halber sei hier vermerkt, dass Gustav Gerst mit seiner Ehefrau Ella (ihr Vater war Markus Tietz) über Schweden in die USA fliehen konnte. In Berlin war unter dem Druck der NS und den Banken Georg Karg 1933 als Geschäftsführer  im Hermann Tietz Konzern etabliert und führte die Häuser unter HERTIE weiter. 1939/40 kaufte Karg die Bankanteile und Hertie ging in den Besitz der Familie Karg über. Ein großer Teil der Filialen war durch die Teilung Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg verloren, aber im Wirtschaftswunder Westdeutschlands wurden die  größtenteils auch zerstörten Warenhäuser wieder relativ rasch aufgebaut, neue Standorte eröffnet und in Bamberg wurde unter Hertie das Haus wieder im Jahr 1951 eröffnet.

Aber zurück zu Gerst und seiner zielstrebigen Warenhausgründung in Chemnitz  mit Übernahme im Jahr 1904 des etablierten Geschäftshauses an der Ecke Post- und Johannisstraße.

                                am 3. 3.1904  eröffnete das Warenhaus H. & C. Tietz offensichtlich vereinfacht unter TIETZ

8. Fortsetzung  10.12.2016      TIETZ  WARENHÄUSER
Fortsetzung Aufbau Familienkonzern Tietz

So erfolgreich die Erstniederlassung in Chemnitz war, so strebte Gerst doch nach erfolgreichem Start einen größeren Zweitbau an. Auch in Absprache mit Leonhard Tietz und seinen Erfahrungen aus dem Düsseldorfer Warenhausbau etablierte sich in Chemnitz eine Baugesellschaft, die allein nach Erwerb 8 bebauter Grundstücke am Beckerplatz  einen neu zu errichtenden Warenhauskomplex seit dem Jahr 1910 überplanten und nach langwierigen Verhandlungen mit den Behörden und gegen den Widerstand heimischer Konkurrenten konnte endlich Anfang des Jahres 1912  mit dem Abriss der Altgebäude und dem  Warenhausneubau begonnen werden. Die folgende Ansichtskarte vermittelt den Blick über den Beckerplatz mit Denkmal auf das neue Warenhaus Tietz im Hintergrund. Mit dem Denkmal gedachte Chemnitz übrigens dem wohltätigen Industriellen C. G. Becker  zum 100.Geburtstag.

Das Erstaunliche ist an dieser Stelle wieder die unglaublich kurze Bauzeit, die auch beim Bau des Warenhauses an der Leipzigerstraße in Berlin oder auch an weiteren Großbaustellen zu beobachten ist mit teils erheblichen zusätzlichen Steinmetzarbeiten, prunkvollem Innenausbau mit bemerkenswerten Holzarbeiten, aufwendigste Elektroinstallationen auf dem damals zeitlich aktuellen Stand in Perfektion und dies alles ohne Computerlogistik und neuestem Maschinenpark des 21. Jahrhunderts. Am 8. Oktober 1912 war Baugenehmigung in Chemnitz und im Januar 1914 gab es bereits Konzertaufführungen im fertigen Warenhaus (s. lesenswertes Buch DAS tietz CHEMNITZ im Verlag Heimatland Sachsen!). Vielleicht kann ein Homepagebesucher mir die aktuellen vergleichbaren Zeiten zur Elbphilharmonie oder Berliner Flughafen  einmal  zum Unterschied vor 110 Jahren erklären!

Ca. 1000 Angestellte sorgten für einen  reibungslosen und erfolgreichen  Start in Chemnitz, ein umfassender Zustellservice wurde eingerichtet und das Umtauschrecht wurde wie in allen Tietz-Häusern großzügig gehandhabt. Schon im Jahr 1916 konnte Gerst von der allg. Baugesellschaft unter H. Schöndorff (Düsseldorf) die restlichen Eigentumsanteile  erwerben. Dazu eine Ansichtskarte aus der Zeit der Weimarer Republik mit dem Warenhaus Tietz. 

                                     Folgend eine Geschäftspostkarte H. & C. Tietz aus Chemnitz mit Datum 4.10.1919

Nachfolgend zwei Wiegekarten aus dem Tietz Kaufhaus im Jahr 1932.. Auch ich kann mich noch gut an diese imposanten Stehwaagen in der Nachkriegszeit der Kaufhäuser erinnern. Personenwaagen im Haushalt waren noch nicht selbstverständlich vorhanden  und solche teils auch „mobilen Stehwaagen“  trifft man aktuell noch durchaus besonders im asiatischen Raum im Straßenbild an.

Im Gegensatz zu anderen Tietz – Kaufhäusern war der Weg  in  der  NS – Zeit  und spez. nach dem reichsweiten Progrom der „Reichskristallnacht“ im November 1938 in Chemnitz  ähnlich dem Standort Bamberg nicht durch Arisierung gekennzeichnet, sondern auf Druck auch des Einzelhandels erfolgte die Schließung und Konkurseröffnung im Jahr 1939. Durch die zusätzlichen Zerstörungen in den letzten Kriegstagen gleicht der Wiederaufbau eher einer mühevollen Odyssee. In notdürftig hergerichteten Räumen etablierte sich  ERWA (Erzgebirgisches Warenhaus)  unter Dr. W. Müller kurzfristig von 1947 bis 1949. Im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands  warteten die Menschen allerdings vergeblich auf ein einsetzendes „Wirtschaftswunder“ vergleichbar den Entwicklungen in der Bundesrepublik.
Der verlorene 2. Weltkrieg führte neben unsäglichem Leid auf allen Seiten auch unter kommunistischer Ideologie der DDR dann noch zur Umbenennung von Chemnitz zu Karl-Marx-Stadt. Dazu ein überstempelter Einschreibbrief aus dem diesbezüglichen Jahr  1953.

Das  Erzgebirgische Warenhaus wurde  schließlich der staatlichen Handelsorganisation (HO) unterstellt. Die Übernahme in die Konsumgesellschaft (s. vorstehender Brief) wurde vom Rat der Stadt Karl-Marx-Stadt allerdings abgelehnt.
 
                                                        saniertes HO – Zentrum im Jahr 1963 im ehemaligen TIETZ


                                                  aus der HO- Phase vorstehend Brief, Ansichtskarte und Freistempel

Im Jahr 1965 wurde das Warenhauskonstrukt „C- CENTRUM“  als Vereinigung Volkseigener Warenhäuser (VVW)  Centrum  gebildet und auch aus dieser Phase eine passende Ansichtskarte vom Standort Karl-Marx-Stadt im  sanierten Tietz.

Über dem Eingang links  schwach C - Centrum erkennbar. Rechts der DDR – EDV - Konzern „robotron“ und dazu zumindest ein passender Absenderfreistempelabschlag.

Die glückliche Wiedervereinigung brachte dann im Jahr 1990 die „Retourkutsche von Karl-Marx-Stadt zu Chemnitz“ und auch dazu ein passender Einschreibbeleg.

Mit der Wiedervereinigung war auch die Kaufhof AG Köln involviert nach dem Slogan im Absenderfreistempel „Alles was ich will“  und Kaufhof wollte und erwarb das Warenhaus in Chemnitz und führte es an alter Stelle von 1991 bis zum Jahr 2001 über 10 Jahre.

Unter der Kaufhof AG wurde dann kein angedachter Erweiterungsbau realisiert, sondern unter Zusammenführung der ehemaligen Warenhäuser TIETZ und SCHOCKEN stattdessen ein Neubau als „gläsernes Warenhaus“  unter dem Konzept der zwischenzeitlich gebildeten Konzernstruktur „Galeria Kaufhof“  ausgeführt.

Der Rat der Stadt Chemnitz sah im denkmalgeschützen und sanierten Altbau dann eine  Chance Stadtbibliothek, Volkshochschule und das Naturkundemuseum zu integrieren und auch die „Neue Chemnitzer Kunsthütte e.V.“  kam noch dazu.


                                ein zentrales Kulturzentrum war entstanden und dazu eindrucksvoll der folgende Einblick

                            oben Foto (Brandt) nach Umbau aus dem Stadtwandel Verlag (Die Neuen Architekturführer)

Um den STANDORT CHEMNITZ  und TIETZ zumindest andeutungsweise abzuschließen, bedarf es aber noch der Vorstellung nicht nur  des Warenhaus H. & C. Tietz unter Gustav Gerst als Nachfolger von Markus Tietz sondern auch der Aktivitäten von Leonhard Tietz mit der Etablierung eines EINKAUFSHAUSES in Chemnitz im Jahr 1910 (Aue 3a). Hier wurde produktionsnah  gesichtet, geprüft und geordert. Die nachfolgende Francotyp-Stammkarte aus Chemnitz dokumentiert den Absenderfreistempel der Leonhard Tietz AG mit ihrem Einkaufshaus (Neubau aus dem Jahr 1914 auf der Altchemnitzerstraße (Nähe Südbahnhof).

                                 die Stammkate belegt auch die ARISIERUNG zur Westdeutschen KAUFHOF AG 1933

Die obige Francotyp – Stammkarte dokumentiert ferner den BAFRA – Freistempler B 734 und war eine umgerüstete Maschine aus dem Tietzhaus in Köln und dort bereits eingesetzt zum 19.11.1927!

Das wesentliche Element der Tietzhäuser war auch unter verschiedenen Anteilseignern der Familie  unter einem Namen im Einkauf  als Gemeinschaft mit größeren Margen für entsprechende Kontingente auftreten zu können, bessere Einkaufspreise zu erzielen und damit größeren Verkaufsspielraum zu erhalten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts betraf dies erfolgreich schon ca. 25 Familien – Tietz - Geschäftshäuser und für die Bevölkerung war jedes eben ein TIETZHAUS. Als die Brüder der Onkelgeneration entsprechend ihrem Alter zurücktraten zu Anfang des 20. Jahrhunderts, nahmen wohl Leonhard und Oscar  zumindest teilweise die Geschäftsniederlassungen unter ihre Fittiche.  Onkel Chaskel  in Prenzlau war stets nur Investor gewesen und hat wohl nur sein Altwarengeschäft in Prenzlau betrieben. Die „Onkelbrüder“ Heinrich, Chaskel und Julius schieden altersbedingt aus und ebenso Hermann, der allerdings in den Oscarfilialen namensmäßig weiterhin  im Vordergrund stand. Markus verstarb früh, aber seine Ehefrau besaß  den lukrativen Standort Bamberg und konnte von hier aus  erfolgreich weiter agieren z.B. wie dies am Standort Chemnitz vorgestellt wurde.

Neben der gemeinsamen Einkaufsstrategie wurden familiär auch topografisch Geschäftsgründungen abgestimmt, um unnötige familiäre Konkurrenz zu vermeiden. Dabei waren auch durchaus renommierte Architekten im wiederholten Einsatz der Warenhausplanungen beteiligt und das folgende Ansichtskartenbeispiel Düsseldorf und darunter Chemnitz verrät  zumindest  gegenseitige Einflussnahme.  

Architekt Prof. Wilhelm Kreis (später Hochschule Düsseldorf) errichtet das Warenhaus Chemnitz sicherlich auch durch Weiterentwicklung seiner Pläne aus dem Architekturwettbewerb (1906) für das Kaufhaus von Leonhard Tietz in Düsseldorf. Sollte er auch dort „knapp“ unterlegen sein, so ist sein Grundkonzept erkennbar  geblieben und der Gewinner in Düsseldorf mit Josef Maria Olbrich und in Berlin mit Alfred Messel für Wertheim prägten gemeinschaftlich die monumentale Kaufhausarchitektur seit Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Übrigens hatte Kreis schon als Student hervorragend im Wettbewerb für das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig agiert und etliche der im Zeitgeist gebauten „Bismarcktürme“ stammen aus seiner Planungsfeder. Schon 1902 als Professor für Raumkunst in Dresden wirkte W.Kreis in vielen Gremien und hatte engen Kontakt u.a. zu Ernst Heckel, Henry van de Velde und Walter Gropius.

Nach dem Ausflug in den „Familienkonzern Tietz“ soll das obige Architekturbeispiel auch wieder zurück zu den Tietzbrüdern Leonhard und Oscar zum Ende des 19. Jahrhunderts  führen und zunächst  zu den Standorten Elberfeld und Köln  und damit zu Leonhard, der den Westen Deutschlands für sich in Anspruch nehmen konnte, aber auch erfolgreich nach Belgien expandierten sollte. Dazu soll wieder ein neuer weiterer Menüpunkt im Thema TIETZ  eingerichtet und angefügt werden.

Fortsetzung folgt im nächsten Menüpunkt






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