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06.07. 2017  Warenhäuser Tietz  35. Fortsetzung
Arisierung oder Eindeutschung

Schon mehrfach wurde die Arisierung in den vorherigen Abhandlungen  erwähnt, bedarf aber sicherlich einer eigenen Betrachtung und die fängt nicht mit den Nationalsozialisten und Adolf Hitler im Jahr 1933 an.

Grundsätzlich muss zunächst einmal eine allgemeine europäische Judenfeindlichkeit seit Jahrhunderten festgehalten werden.  Hierzu existiert eine ausgiebige Literatur  und im 500. Jahr der Reformation sollten doch besonders Luthers  Hetzschriften gegen die Juden nicht verschwiegen werden, auf die sich sogar NS – Größen im Nürnberger Prozess explizit berufen haben. Unbestritten hat in Deutschland der Antisemitismus  eine fortschreitende Eskalation genommen bis hin zur menschenverachtenden Horrorform des Holocausts. Gerade im Warenhaussektor und seiner Entwicklung ist die Diffamierung des jüdischen Händlers  mit einer geradezu permanenten und sich steigernden Form des Antisemitismus  zu beobachten. Mit der rechtlichen Quasigleichstellung  der Juden in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die jüdische Geschäftstüchtigkeit  in Deutschland neidvoll beobachtet, beargwöhnt und  über politische Einflussnahme zunehmend bekämpft. Das jüdische über Jahrhunderte trainierte Talent auf wirtschaftliche, industrielle und gesellschaftliche Veränderungen rasch und erfolgreich zu reagieren, war in der Regel dem ortsgebundenen deutschen Händlern  fremd. Festgefahren  in seinem Umfeld reagierte man verängstigt und zunehmend auch aggressiv auf die wirtschaftliche  gespürte jüdische Bedrohung und unter der nationalsozialistischen Ägide war dann auch eine Bereicherung am jüdischem Eigentum mit sich spezialisierten Beratern, Juristen und Banken möglich!

Mit den ersten Warenhäusern in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts war so der etablierte Einzelhandel höchst beunruhigt speziell in den Städten über den Zuspruch  der Bevölkerung. Das Konzept der Kauf- und Warenhäuser mit festgesetzten Preisen, großer Auswahl ohne Kaufzwang, Umtauschrecht und teils Zustelldienst war für den traditionellen Einzelhändler  nicht zu leisten und eine greuelhafte Vorstellung in seiner Nähe mit entsprechender Existenzangst. Über gewachsene und vorhandene Kontakte der Einzelhändler und Mittelstandsorganisationen zu den Stadt- und Landespolitikern wurde gegen die Kaufhausetablierung  permanent handfest protestiert und über drohend machbare Erschwernisse  diskutiert. Warenhaussondersteuern, bauliche Einschränkungen bis in den Bereich der begrenzten Etagenzahl und Treppenhausgestaltungen mittels überspitzten Statikanforderungen und teils  konstruierte Erschwernisse beim Brandschutz waren beliebte und häufig beschrittene  Wege, den Waren- und Kaufhausboom  Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu behindern. Die zunehmenden Schikanen gegen die Warenhäuser seit 1933 unter NS- Regie mittels Boykottaufrufen, Werbeverboten und Schließung der Lebensmittelabteilungen, Gastronomie und Leihbüchereien eskalierten dann in speziell perfider Form.

Anfangs war der Textilhandel in den Kaufhäusern dominierend und schon historisch war hier der jüdische Besitzer – abgedrängt seit Jahrhunderten in zunftfreies Gewerbe -  traditionell  stark vertreten und ein unterschwellig stets vorhandener Antisemitismus  wurde damit  synonym  für eine  überspitzte Polemik  im Thema Warenhaus und Jude. Die Aufnahme zum Vollsortiment mit Haushaltswaren, Lebensmittel und ganzen  Wohnungseinrichtungen  und dies in palastartigen  und hell erleuchteten  Verkaufshäusern  mit Bewirtungsmöglichkeiten war für den  Einzelhändler  und seinen Verbänden speziell  in den Städten eine existentielle Kampfansage. Objektiv war diese eher emotionale Wahrnehmung nicht immer nachvollziehbar. Der Warenhausumsatz  erreichte  maximal 5 Prozent vom Gesamtumsatz des Einzelhandels und gut geführte und spezialisierte Einzelhändler profitierten gar vom Besucherstrom der Kauf- und Warenhäuser in ihrer Nachbarschaft. Dennoch war die Politik ständig durch die Mittelstandsorganisationen des Einzelhandels gefordert hier Einschränkungen vorzunehmen, die teils sogar als Propaganda den bekämpften Warenhäusern eher zum Vorteil wurden. Diese Situation verschärfte sich zunehmend  zum Ende der 1920er Jahre und die NS – Propaganda wollte neben der Arbeiterschaft auch im Mittelstand Stimmen für die Wahlen gewinnen und trat entsprechend  zunehmend polemisch und speziell antisemitisch geprägt auf.

                                        Dr. Robert Ley und die Tageszeitung der Deutschen Arbeitsfront Der Deutsche

Im Dezember 1928  berichtet das NS–Blatt – der „Völkische Beobachter“ –  von einer Rede  gehalten im Oktober 1928 von Dr. Robert Ley in Köln.

                                                    dazu der Zentralverlag der NSDAP Franz Eher Nachf. München


Ley spricht 1928 vom ehrlichen deutschen Kaufmannsgeist und der jüdischen Profitgier  ihrer Warenhäuser und schließt mit den Worten „Der Jude muss sterben, damit das deutsche Volk lebe“. Ein Jahr später schon erfolgte ein erster Gesetzesantrag der NSDAP im Reichstag  zur Enteignungsmöglichkeit des jüdischen Besitztums!

                               oben Dr. Robert Ley als Ausschnitt einer britischen Propagandakarte aus dem Jahr 1943

                                                                         der allgemeine Slogan der NS - Zeit war dann

                                                                                 Deutscher, kaufe beim Deutschen!

Dr. Hans Buchner - schon NS – Parteimitglied seit 1922 - und später u.a. Wirtschaftsredakteur  beim Völkischen Beobachter  und Gauwirtschaftsberater der NSDAP  im Gau München – Oberbayern  und Besitzer des Goldenen Parteiabzeichens

schrieb  im Jahr  1930  in der Nationalsozialistischen Bibliothek (übernommen aus Leonhard Tietz von Nils Busch-Petersen in den Jüdischen Miniaturen im Hentrich & Hentrich Verlag Berlin Bd. 92) von den „teils reinrassigen Typen der …Knopf …und halben Talmiköpfen der Tietz, Wronker, Joske, Ury und wie sie alle hießen, die aus Birnbaum und von weiter östlich herkamen“.

Dazu ein Ensemble aus Ansichtskartenausschnitten mit Joske in Saalfeld, Gebr. Ury in Leipzig, Wronker in Mannheim, L. Tietz in Stralsund, O. Tietz in Gera und S. Knopf

Wenn auch nicht aus Birnbaum stammend, so ist das erfolgreiche jüdische Warenhausunternehmen der Gebrüder Barasch - hier mit Beispiel rechts auf der folgenden Ansichtskarte mit dem Standort Magdeburg - nicht zu vergessen

und auch das jüdische Unternehmen Adolf Jandorf bedarf noch einmal der Erinnerung, ging aber von Dezember 1926 zum Januar 1927 im Warenhausimperium von Oscar Tietz  nun unter seinen Söhnen Georg, Martin und beider Schwager Zwilling in der OHG Hermann Tietz auf. Nachfolgend Warenhaus Adolf Jandorf in Berlin Leipzigerstraße im Ansichtskartenausschnitt.

Das Flagschiff  aus dem  Jandorf  Warenhäusern mit dem  KAUFHAUS DES WESTENS machte Tietz unter der Firmierung Hermann Tietz  damit zum größten europäischen Warenhauskonzern im Eigenbesitz. Dazu das folgende Ensemble mit dem frühen Bafra -Freistempler B 121 und mit dem Zulassungsdatum  26.1.1926. Im Falle KaDeWe  als wohlbekannter Kaufhausname war mit der Arisierung keine Umbenennung in dem Freistempelklischees vom jüdischen Namen und Vorgänger notwendig.  

auch der  Kaufhauskonzern Wertheim hier mit Beispiel Leipzigerstraße in  Berlin darf in dieser Reihe der namhaften jüdischen  Kauf- und Warenhäuser und Konzerne nicht fehlen.


21.07.2017 Tietz  36. Fortsetzung
Arisierung oder Eindeutschung (2. Fortsetzung)

Die Gewinnsituation der jüdischen Kaufhäuser wurde deutlich von den Konkurrenten und der Bevölkerung überschätzt. Der Umsatz der Warenhäuser am Einzelhandelsvolumen betrug nur ca. 5% und fiel zur Weltwirtschaftskrise noch deutlich darunter! Zudem waren dies durchaus mit Risiko behaftete häufig finanziell knapp kalkulierte Investitionen  in beachtenswerter städtebaulicher Ausführung. Die Grundstücksplanung auf strategischem Platz mit vorhandenen und häufig einzuebnenden Altbauten war sicherlich nicht preiswert, die Architekten waren durchweg namhafte hoch dotierte Persönlichkeiten, die Bausauführung war stets der maximal möglichen modernen Situation angepasst u.a. mit besten Materialien, Elektrifizierung, Fahrstühlen später auch Rolltreppen, ausgedehnter Fuhrpark, Kältemaschinen und Kraftwerken.

                                beispielhaft mein Favorit der Glaspalast im  Jahr 1903 von Oscar Tietz Leipziger Straße

Die Gewinnmargen der älteren ehrwürdigen Kaufhäuser von Hertzog und Gerson in Berlin lagen dabei sicherlich über dem Finanzplan von Tietz. Dazu ein Ausschnitt aus der Verkaufshalle von Hertzog in Berlin aus den Jahren 1848-50 nachgestellt zur Ausstellung im Jahr 1914.

                            der Kaiserbasar von Gerson in Berlin lag sicherlich ebenfalls in der Rendite vor Oscar Tietz

Dabei bedarf es der Betonung, dass im Gegensatz zu zeitgenössischen deutschen Unternehmen im Warenhaussektor die jüdischen Kaufhäuser noch besonders kostenintensiv durch erhebliche betriebliche Zuwendungen waren. Sie betrafen nicht nur die kürzere Arbeitszeit durch die Schließung am Sonntag, Zuwendung zu Sozialversicherungen, Pensionskassen, eigene Berufsschuleinrichtungen, Fortbildung in hauseigenen Kursen  und dazu kann hier auch noch z.B. das Erholungsheim für Verkäuferinnen in der Eifel angeführt werden. Die jüdischen Kaufhausbesitzer unterstützten nicht nur ihre örtliche jüdische Gemeinde, auch andere Wohltätigkeitsinstitutionen wurden bedacht und im wiederholten russischen Progrom  Anfang des 20. Jahrhunderts war z.B. die Familie Tietz Anlaufpunkt für Flüchtlinge jüdischen Glaubens. Trotz aller Angriffe oder gerade deswegen war Oscar Tietz erfolgreich bestrebt eine wirtschaftliche Interessengemeinschaft der Warenhausbesitzer zu formieren (Verband Deutscher Waren- und Kaufhäuser – VDWK) und stand ihr in verantwortlicher Position auch zur öffentlichen und politischen Präsentation zur Verfügung. Dennoch wurde in den Jahrzehnten zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert  das Auftreten der neuen Häuser im Kaufhausboom neidvoll betrachtet. Sicherlich waren zahlreiche Warenhäuser im Besitz jüdischer Familien, aber auch „rein arische“ erfolgreiche Unternehmer wie Karstadt,  Althoff,  Emden Gruppe Hamburg sind hier u.a. zu nennen und alle waren mit dem NS – Staat seit dem Jahr 1933 und seinem Punkt 16 des NS – Parteiprogramms aus dem Jahr 1920 konfrontiert mit der Diffamierung und der drohenden Ankündigung zur Kommunalisierung der großen Kauf- und Warenhäuser als unbequeme Schädlinge kleiner Gewerbetreibender, die durch öffentliche Aufträge dann zu bevorzugen seien. Schon ab 1925 schuf die NSDAP  Listen mit Bezugsquellen im rein arischen Einzelhandel und NS – Frauenverbände riefen die deutschen Frauen zum Kauf in deutsch geführten Geschäften auf. Aber auch die nicht arischen Warenhäuser litten also seit der Weltwirtschaftskrise  beginnend 1929/1930 unter deutlichem Umsatzeinbruch, waren aber nicht direkt mit der drohenden Enteignung und Konkurs durch Bankendruck auf die notleidenden Finanzierungskredite konfrontiert wie die jüdischen Unternehmen. Die Weltwirtschaftskrise ausgehend vom Börsensturz in NewYork im Jahr 1929 kam mit etwas Verzögerung in Deutschland  an und brachte  steigende Arbeitslosigkeit. Interessant dazu die Ausführungen des Reichsministers a.D. Dr. Gotheim aus sozialdemokratischer  Sichtweise und  zeitgleich aus dem Jahr 1930.

Die Wahlplakate der NSDAP verdeutlichen in der ausgelösten Weltwirtschaftskrise  ihr  Politversprechen für ARBEIT   FREIHEIT und BROT für die Bevölkerung.

Die NSDAP hatte den Tonfall in der Weltwirtschaftskrise für die Bevölkerung  richtig eingeschätzt, der erfolgreiche Weg zur Machtübergabe trat in die Endphase ein. Abbildung Adolf Hitler auf dem Weg zum Reichsparteitag 1929 Nürnberg (Foto Hoffmann).

Nationalsozialistische Mehrheiten z.B. in Stadträten brachten dann schon vor 1933 ab 1929 gezielt Filial- und Warenhaussteuern  auf den Weg! Die Wirtschaftskrise verschärfte die Einzelhandelssituation extrem bis zur „Selbstzerstörungstendenz“ mit Rabatten und Beilagen in Form von Werbezugaben. Beispielhaft der inszenierte INVENTUR – Ausverkauf bei Hermann Tietz  Karlsruhe im Inserat der Badischen Presse vom 15.Januar 1931  mit der nochmaligen Preisherabsetzung und billig wie nie.

Die  Mittelstandsverbände nahmen ab 1930 den kämpferischen Tonfall  der NS an und politisch nach dem Wahlerfolg  der Nationalsozialisten 1930 mit 107 Reichstagsmandaten kam die Großbetriebs-Umsatzsteuer gemünzt auf den Warenhaussektor. Beschränkungen von  Neugründungen auch spez. der Einheitspreisgeschäfte folgten umgehend 1932 mittels Notverordnung.  Mit der Machtübergabe an Adolf Hitler und die NSDAP im Januar 1933 sahen NS – Anhänger die “Stunde  der versprochenen Realisierung ihres Wahlprogramms aus dem Jahr 1920“ gekommen und auch Gauleiter agierten selbstherrlich  vor Ort. Um das drohende Chaos  zumindest in ihrem Sinne zu kanalisieren, erklärte H. Göring 50.000 SA – Leute zu Hilfspolizisten mit  Armbinde und Pistole. Hetzkampagnen und erster Terror speziell gegen jüdische Einrichtungen und Warenhäuser waren ab Februar 1933 keine Einzelfälle mehr und ohne rechtlich zu erwartenden Schutz.

Ludwig TIETZ  (Familienmitglied  der vorliegenden Kaufmannsfamilie TIETZ und Leiter der jüdischen Jugend in Deutschland) erlebt gleich 1933 die geheime Feldpolizei der SA  erschreckend am eigenen Leib und sieht ahnungsvoll in die Zukunft, die für ihn schon  in diesem Jahr durch Tod in jungen Jahren beendet war.

Die Hitlerjugend agierte teils auf Aufforderung ihrer Lehrer „mit Gesichtskontrollen zur Abschreckung“ vor den jüdischen Kaufhäusern mit zunehmendem Erfolg.

Der Umsatzeinbruch aller Warenhäuser – bereits seit 1929 auf schlechtem Niveau – traf  entsprechend speziell die boykottierten jüdischen Geschäfte und die einzig handelbare Warenhausaktie Leonhard Tietz  ging auf erschreckende Talfahrt.

Die Situation für die Geschäftsführung der Leonhard Tietz AG eskaliert im März 1933 unter  Angstgefühlen auch um ihre Familien, die NSDAP erzwingt den Aktienverkauf  und  der ehemalige Aktienwert von 24 Millionen Mark muss für 800.000 Mark an die neuen Bankeigentümer mit Commerz-,  Dresdner- und Deutsche Bank „verramscht werden“.

Die Leonhard Tietz AG firmiert zur Westdeutschen Kaufhof AG  und auch das „vormals Leonhard Tietz AG“ verschwindet dann noch zügig aus den Klischees der Absenderfreistempel.

Nach diesen schweren Monaten ist für die beteiligten jüdischen Familien in der Regel nur die rasche Flucht in das Ausland angesagt und nach ihren erlebten Erfahrungen auch erstrebenswert.

Die deutschen Banken hatten sich gut mit dem NS – Regime arrangiert, arisierten ihre jüdische Bankkonkurrenz zu ihren Gunsten ohne Hemmungen und warben – wie oben ersichtlich die Deutsche Bank – unverblümt für Adolf Hitler und der Dresdner Bank unter dem Vorstandsmitglied  Karl Rasche könnte  eindeutig und unzweifelhaft der Titel  „NS – Bank" verliehen werden.

Die  deutschen  Versand – und Warenhäuser versuchen in dieser  schwierigen Situation  mit öffentlichen Hinweisen  „christlich und rein arisch“   ihre Geschäftsgrundlage zu stabilisieren.

andererseits ist im Falle von Gustav Schickedanz und seiner QUELLE die Besitznahme der jüdischen Papierfabrik „Stichwort – Tempotaschentuch“  schon als sein erster  persönlicher Gewinn im NS – System als Fürther Stadtrat zu verbuchen.
 
Auch der schicksalhafte Verlauf für den Familienzweig Tietz in Berlin mit der OHG Hermann Tietz ist ein erschreckendes Beispiel der  damaligen nationalsozialistischen Willkür.

30.07.2017 Tietz 37. Fortsetzung
Arisierung oder Eindeutschung (3.Fortsetzung)
Die Situation der offenen Handelsgesellschaft Hermann Tietz  mit Sitz in Berlin belegt die prekäre Situation aller Warenhäuser in der Weltwirtschaftskrise zu diesem Zeitpunkt und ist bezüglich der möglichen Verwirklichung zwischen NS – Parteiprogramm  und Realität der komplexen  wirtschaftlichen Verhältnisse  ein Paradebeispiel   von  Sachzwängen und  im Zusammenhang der antisemitischen NS – Strategie nicht ohne Pikanterie. Schon  die Situation bei Karstadt führte 1932 zur  Rettung des Warenhauskonzerns nur über Kredite der Banken und deren Regieübernahme  der Geschäftsführung mit Trennungszwang jüdischer Geschäftsführer und Personal. Diese Situation traf 1933  explizit auch auf  den größten europäischen Kaufhauskonzern im Eigenbesitz der  Hermann Tietz OHG zu. Am 17. Januar 1923 war Oscar Tietz als Besitzer im Alter von 65 Jahren verstorben, hatte aber bereits mit dem Sohn  Georg im Jahr 1917 die familiäre Geschäftsführung geregelt, die ab 1919 auch mit seinem 2. Sohn Martin und seinem Schwiegersohn Dr. jur. Hugo Zwillenburg gut aufgestellt war. Die drei Geschäftsführer agierten trotz aller Schwierigkeiten  erfolgreich durch die Inflation und erweiterten systematisch in der Zeit der Weimarer Republik (s. spez. Jandorf- u. Connitzer- Übernahme). Der optimistische Konzernaufbau verlangte die entsprechenden Bankkredite, die durch die Weltwirtschaftskrise und den allg. Kaufhausboykott spez. gegenüber jüdischen Unternehmen im Jahr 1933 zur prekären Situation führten. Zum 1.April 1933 wurde erstmals  zum kollektiven Boykott  gegen Juden aufgerufen gleich ob Rechtsanwälte, Ärzte oder Warenhäuser. Vertrauensvolle gewachsene Strukturen wurden hinfällig, ein Großteil der damaligen Kinderärzte waren z.B. jüdischen Glaubens und selbst diese fanden keinen Rückhalt mehr durch die zunehmende NS - Ideologie der Massen. Konkurs oder Sanierung stand für die OHG Hermann Tietz im März 1933 an. Die Liquidation entsprach der NS – Ideologie, allenfalls war noch der Wunsch der Geschäftsübergabe an kommunale Strukturen oder örtlich kleinere Gewerbeeinheiten vorstellbar. Solche Versuche gab es und scheiterten wirtschaftlich allesamt in der Regel kläglich. Eine Verbesserung der Bevölkerungsversorgung  war ebenfalls nicht damit verbunden und  einsetzende Preissteigerungen  unter den neuen NS – Verhältnissen waren bald ebenfalls unangenehm spürbar. An den erprobten Warenhauskonzernen mit ihrem Preis regulierendem Einfluss waren aber auch Zulieferer und Landwirtschaft höchstgradig interessiert, man schätzte den wirtschaftlichen direkten und indirekten Einfluss auf 900 Millionen Reichsmark und von den abhängig Beschäftigten wäre bei Kaufhausliquidierung zudem ein Anstieg von Arbeitslosen zu erwarten und dies widersprach nun gänzlich der NS – Philosophie und ihren Versprechungen angesichts des explosiven Anstiegs in Richtung 6 Millionen im Jahr 1932 (Grafik  VOLK u. REICH VERLAG, Berlin 1936). 

Diese brenzlige Sachlage brachte mit entsprechend unzweifelhafter Datenlage der neue WIRTSCHAFTSMINISTER Dr. Kurt SCHMITT (kam von der Allianzversicherung) Hitler persönlich mehrstündig dar und im Falle der Hermann Tietz OHG wurde sicherlich unter innerem Widerstreben ein Sanierungskredit über 14,5 Millionen Reichsmark durch die Banken im Juni 1933 von höchster Stelle freigegeben und bewilligt! Dr. Hilland vom Pressedienst des Dt. Einzelhandels polemisierte dazu massiv und Hitler sah sich wohl gezwungen über seinen Stellvertreter Heß am 7.7.1933 eine befristete Warenhaustoleranz  öffentlich zu verkünden! Die Banken übernahmen die OHG Hermann Tietz, die ehemaligen persönlich haftenden Gesellschafter scheiden aus, ihr Angestellter Georg KARG erhält die Geschäftsführung durch die Banken unter der Firmierung „Hermann Tietz & Co.“.  Auch in den entsprechend genutzten Absenderfreistempeln findet sich praktisch zeitgleich zum Oktober 1933 die Umfirmierung  zur  Hermann Tietz  & Co.

Hermann Tietz & Co. wurde dann im Jahr 1935 zu HERTIE umfirmiert und die Zentralverwaltung wurde im Tietzhaus Leipzigerstraße etabliert mit der Postanschrift Krausenstraße 44/49. Die Krausenstraße verlief parallel zur Leipzigerstraße  und das Kaufhaus war ein durchgängig verbindendes  Element.
 
Während also erst im März  des Jahres 1935 ein Teil der Warenhäuser nun unter HERTIE  zeitgleich in den Absenderstempeln laufen, werden schon etliche Filialen einheitlich im März 1934 unter UNION – Vereinigte Kaufstätten GmbH geführt! Die  Recherche zu diesem Umstand erweist sich als absolut schwierig. Es  finden sich Aussagen, die den Hermann Tietz Filialen außerhalb von Berlin diesen „Union – Status“ zuweisen, was natürlich Unsinn ist. Allein  3  Tietzhäuser wurden unter UNION in Berlin schon ab Frühjahr 1934 geführt. Die Firmierung unter UNION erfolgte auch zeitlich früher, als die Umfirmierung unter HERTIE! Hier bestand eventuell eine politische Begründung, die nach meiner Meinung der  Öffentlichkeit geschuldet war. Viele Bürger  vermuteten anfangs sogar eine Unterstützung der jüdischen Kaufhäuser durch das neue NS - Regime und man wollte sich wohl von diesem Image durch beide Umfirmierungen zu UNION und HERTIE  rasch und endgültig befreien!

Auch das Warenhaus Tietz in Straßburg  ist bezüglich der Entwicklung  KAUFHOF, TIETZ, UNION und HERTIE  für mich etwas schwierig einzuordnen. Das Warenhaus gehörte zur Leonhard Tietz AG. Alfred Tietz als Nachfolger seines Vaters war hier auch nach 1933 noch  geschäftsführend und auch niederländische und belgische Beteiligungen  waren noch möglich, da dieser Besitz und Beteiligungen im Ausland lagen! Das Warenhaus wurde aber im 2. Weltkrieg – nach militärischem Sieg - dann nicht unter KAUFHOF, wie zu erwarten, sondern unter UNION  weitergeführt. Nachfolgend der Rückseitendruck zum Warenhaus  „Union“ Vereinigte  Kaufstätten G.m.b.H. Straßburg (Elsaß).



Die Francotypstammkarte  zur UNION  Vereinigte Kaufstätten G.m.b.H. Strassburg (Elsass)  dokumentiert den Absenderfreistempel  des ehemaligen Tietzbesitzes im eroberten Kriegsgebiet. Dieser Besitz stellte  allerdings vom weiteren Kriegsverlauf her gesehen nur einen kurzfristigen  Gewinn für Georg Karg dar. Karg hatte bis zum Jahr 1940  die letzten Kreditansprüche der Banken aus der Arisierung der Hermann  Tietz OHG  sukzessive abgelöst und  war Alleinbesitzer geworden der Kaufhäuser unter der Firmierung HERTIE und UNION. Interessant hier die besitzende Firmenangabe mit Hertie für das Unionkaufhaus. Zweifelsohne gelang Karg hier ferner  die Übernahme eines ursprünglichen Kaufhauses der Leonhard Tietz AG. Warum der Westdeutschen Kaufhof Gesellschaft nicht der Zugriff gelang, entzieht sich meiner Kenntnis.

Ebenso wie für die Tietzfamilie in Köln war auch für die Geschäftsführer  der OHG Hermann Tietz in Berlin und ihren Familien  ein Leben  in  Deutschland  nicht mehr vorstellbar. Schon Mitte des Jahres 1933 waren Georg und Martin Tietz nicht mehr „Herr ihrer Kaufhäuser“, Schwager Dr. Zwillenburg war schon ausgeschieden  und  die Tietzbrüder schieden im Laufe des Jahres aus der Geschäftsführung  und endgültig  1934  praktisch enteignet aus.

Der Kampf gegen die Warenhäuser war damit nicht beendet, sukzessiv wurden weitere  Erschwernisse auf den Weg gebracht mit Zwang zur Stilllegung  der Erfrischungsbereiche, Schließung der Büchereien und auch Lebensmittelabteilungen. Dazu nachfolgend ein entsprechendes Ensemble.


Eine kurze Pause der  speziellen antisemitischen  Aktionen war nur im Jahr 1936 während der olympischen Spiele zu registrieren, um nicht unnötig im Gesichtsfeld des Auslandes  negativ zu erscheinen. Selbst jüdische  Olympiateilnehmer aus Deutschland wurden vom NS – Regime  ja noch  toleriert und beispielhaft hier Helene Mayer. Dazu eine Privatganzsache  zu Helene Mayer (80Pf.Burgen u. Schlösser)  portogerecht als Einschreib/Eilbotenbeleg mit der Sondermarke aus dem Jahr 1968 und passendem Sonderstempel. Der Einschreibzettel mit Gumminebenstempel oly  und 5248 Wissen,Sieg 1 mit Datum vom 14.4.1984.

Nicht allen Familienmitgliedern der Familien Tietz gelang es Deutschland zu verlassen und nach dem 2. Weltkrieg  waren Ansprüche aus ihrem alten Warenhausbesitz  stets  Angelegenheit der Justiz und Gerichte und rückblickend sind vielfach nur Teilwiedergutmachungen geleistet worden im Vergleich zu den  Besitzverhältnissen Ende der  1920er Jahre.

Das Kapitel Arisierung  ging nur kurz auf die Warenhäuser Tietz ein, das Problemfeld betrifft natürlich weitere jüdische Eigentumsverhältnisse und ihre Enteignungen, die in der NS – Zeit mit Gewinn „eingedeutscht“ wurden. Männer aus dem Kauf-, Warenhaus- und Versandhaussektor wie Neckermann, Horten, Schickedanz und Karg waren hier aus unserer heutigen Sichtweise eindeutig involviert  und  damit liegt hier für jeden Interessierten ein höchst aufschlussreiches und interessantes Gebiet  negativer deutscher Geschichte vor.

Auch aktuelle Ereignisse, wie der Bilderfund  von Cornelius Gurlitt wirft diesbezüglich viele zu klärende Fragen auf und dies ca. 85 Jahre nach teils unrechtmäßiger Bereicherung an dem Besitz jüdischem Eigentums. Selbst die Besitzverhältnisse der  KfW – Bank – Immobilie  in Berlin scheinen immer noch  ein Beispiel  ungeklärter Verhältnisse zu sein.

Ich möchte damit einmal das THEMA TIETZ zunächst beenden. Ein Quellenhinweis erfolgt gelegentlich noch in einem nächsten Menüpunkt  und weitere Ergebnisse sind unter Tietz – Nachtrag – dies und das  vorstellbar und möglich. Die Ausarbeitung zum Thema Tietz war für mich überraschend  weitläufig und kann auch sicherlich nicht ein vollständiges  oder gänzlich fehlerfreies Ergebnis sein.





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