Deutsche Postautomation

Informationen zur deutschen Postautomation im Bereich Freimachung,
Briefannahme, Schalterbetrieb und Briefbearbeitung.



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Münzfreistempler der Fa.Francotyp




                                

                                                         Aufnahme  der Neuen Zeitung  vom 25.August 1954
    
Der  recht imposante Münzfreistempler ( übrigens gelb lackiert) der Fa. Francotyp hatte seine Erstinbetriebnahme im Publikumsverkehr am 24.August 1954 und war im Außenbereich des zuständigen Postamtes W 15 Berlin- Charlottenburg in der Lietzenburgerstrasse aufgestellt. Die linke obere Anleitungstafel hatte 3 Positionen. Zunächst waren die Maximalgrößen der Briefsendung beschrieben und sogar skizziert. Punkt 1 forderte zum Geldeinwurf auf bis zum passenden Portobetrag. Zur Hilfestellung war eine kleine Portoliste  unten noch auf der  Anleitungstafel aufgeführt. Dabei gab es für die 4 möglichen Münzen zu 1, 2, 5 und 10Pfennigen jeweils eigene Münzeinwurfschlitze. Portowerte konnten bis DM 9,99 eingestellt werden. Ein kleines Schaufenster zeigte den summierten eingeworfenen Betrag an. Nach Münzeinwurf gab das Gerät die Einwurfklappe frei und der Postkunde wurde unter Punkt 2 zum Briefeinlegen aufgefordert. Der 3.Punkt der Bedienungsanweisung lautete, die Klappe des Einlegfaches herunterzuziehen. Der letztgenannte Vorgang löste den automatischen Briefeinzug und Abstempelung aus.
Der Münzfreistempler von Francotyp hatte eine Vorgeschichte, die in die 40er Jahre zurückreicht. Die Firma Hänel&Schwarz hatte mit ihrem Münzfreistempler einen knappen  Entwicklungsvorsprung  vor Francotyp und Klüssendorf mit ihren Automaten. Während der „Nessim- Automat“ von Klüssendorf 1933 schon auf variable Werte zwischen 1 bis 99 konzipiert war, ähnelte wohl der Prototyp 1931 von Francotyp dem Hänel&Schwarz- Automaten, verfügte auch nur über 8 Wertstufen , sollte aber bei Abruf der 8Pfennig- Wertstufe und Einwurf 10 Pfennig eine 2Pfenniggeldrückgabe ermöglichen. Ein Umbau erfolgte dann zum Klüssendorfprinzip der Wertstufenwahlmöglichkeit zwischen 1 bis 99.
Francotyp versuchte in den Jahren 1933 und 1934 ermuntert durch die guten Erfolge der Absenderfreistempelmaschinen im Ausland mit dem Münzfreistemplerkonzept in Frankreich, Dänemark, Belgien, Canada und den USA Fuß zu fassen. Aufgetauchte Maschinenkarten aus dem Bafraarchiv beleuchten diese Phase sehr aktuell. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die Ausarbeitungen  der FG Post- und Absenderfreistempel ( Bericht 61) und im „Quarterly Bulletin der METER STAMP SOCIETY,USA“  in der Frühjahrsausgabe 2006.
Ende 1934 wurde Francotyp beim Reichspostministerium vorstellig mit der Bitte einen Betriebsversuch mit dem Münzfreistempler starten zu können. Dies wurde am 12.1.1935 mit einer unverbindlichen Zusage genehmigt. Darauf reagierte Francotyp mittlerweile  selbst mit Zurückhaltung , da vermutlich die kritische Haltung der dt. Post zum Münzfreistempler bekannt war. Eine Nachfrage der Reichspostdirektion selbst Mitte 1937 bei Francotyp ergab evtl. Start eines Betriebsversuchs für 1938. Es ist bis jetzt nicht geklärt, warum es vor Ausbruch des Krieges nicht mehr dazu kam. Auch die Nachkriegsjahre waren sicherlich von anderen Sorgen geprägt. Vermutlich waren die alten Prototypen defekt oder zerstört, so dass erst 1954 am 24. August endgültig ein Betriebsversuch stattfand am Postamt Berlin W 15.
Startschuss war 11 Uhr vormittags und in Gegenwart des Konstrukteurs Milde. Dem Vertreter der Landespostdirektion gebührte die erste Briefaufgabe und genügend Publikum begleitete den Start mit typischen Berliner- Sprüchen. Aus der Menge heraus hatte der Strassenpostautomat gleich seinen Namen als „Beamtentod“ weg und die imposante Größe wäre wohl nur erforderlich, weil sonst das Wortungeheuer „Barfreimachungsbriefkasten“ mit 26 Buchstaben nicht genügend Platz gehabt hätte.


                                   
                                        Ersttagsbeleg Francotyp- Münzfreistempler Berlin W 15 vom 24.August 1954

Der Freistempel ähnelt sehr einem Absenderfreistempel und weniger einem Postfreistempel. Der Wertrahmen beinhaltet die Zugehörigkeit zur Landespostdirektion Berlin. Die Datumzeile ist ohne Punkte und Uhrzeitangabe. Ein rechteckiges  doppelt umrandetes Werbefeld zwischen Wertrahmen und Ortsstempel wirbt sinnigerweise dazu den „Fernsprecher zu nutzen, um Schriftwechsel zu sparen“!
Das Summenzählwerk erbrachte eine „Premieren- Portoeinnahme“ von DM 10,66. Da sowohl am Ersttag wie später ebenfalls an diesem Automaten praktisch nur Standard- Briefsendungen genutzt wurden, dürften wohl ca. 60 bis 80 Ersttagsbelege angefertigt worden sein.

Der Betriebsversuch lief am Postam Berlin W 15  bis zum 13. Januar 1955.

                
                                       
                                          
                                                                                                                                                        
Die Antwortpostkarte vom Postamt W 15 schildert den Abbau des Gerätes und dokumentiert den Letztag  des Betriebsversuchs der Fa. Francotyp an diesem Standort ( Rückseite verkleinert). Das Postamt berichtet mit Datum vom 20.1.1955 vom Abbau des Gerätes und hat die Postkarte noch mit dem Münzfreistempler am 13.1.1955 freigemacht.

Die Briefbelegdokumentation zum Münzfreistempler Francotyp Berlin W 15 hat natürlich ihren speziellen Reiz in der Darstellung unterschiedlicher Versendungsformen und damit Portowerten im Freistempelabschlag. Die Vielfalt ist aber relativ begrenzt. Die Frequentierung des Automaten war absolut gesehen zum allgemeinen Postaufkommen begrenzt und andererseits wurden praktisch nur Standardversendungen gewählt im Ortsbriefverfahren. Viele der Belege sind wohl auch als einfache Freistempelabschläge unbeachtet im  Papierkorb gelandet aber glücklicherweise nicht alle, wie die folgenden Beispiele zeigen.

                                           
      Drucksachenversand im Ortsverkehr mit  Münzfreistemplerabschlag vom Inbetriebnahmetag 24.August 1954.


                                                             
                                                                     8Pfennig- Ortspostkarte vom 15.9.1954


                                             
Die Drucksachen- Auslandsversendung mit Münzfreistempel 10 Pfennig in die USA zeigt ferner mit Datum  vom 3.1.1955  eine sehr späte Versendung vom Standort Berlin W 15


                                             
                 
Die Luftpostkarte mit portogerechtem 15Pfennigwert des Münzfreistempler sollte mit Versendung vom 31.12.1954 noch schnell einen Neujahrsgruß nach Mannheim sichern.



                                          

                                      Fernbrief nach Münster mit 20Pfennig- Münzfreistempel  und Datum 23.10.1954


                                          

Ein Luftpostbrief mit Erstagsstempelabschlag vom 24.August 1954 des Münzfreistemplers und  in portogerechter 25Pfennig-Wahlstufe. Zusatzstempel Berlin- Charlottenburg 2 vom 25.8.1954 und 4Uhr frühmorgens.


                                         
                   
Der Auslandsbrief in die USA vom 6.10.1954 zeigt uns eine wohlvertraute Adresse mit Werner Simon aus Memphis,USA.  Sein Interesse an Freistempelautomaten auch nach Auswanderung bestand weiterhin, und er hat sich einen Beleg vom Münzfreistempler aus seiner alten Heimatstadt Berlin zusenden lassen.


                                           

                                          60Pfennig- Luftpostbrief in die USA ( Zone 2) mit Datum vom 25.8.1954


Auch an den Belegen des Francotyp Münzfreistemplers kann man unter Lupenbetrachtung in einigen wenigen Fällen Beobachtungen zum Transportsystem im Automaten machen. Bezogen auf den insgesamt 7,5cm breiten Freistempler findet sich rechts neben dem Wertrahmen im Abstand von 10mm und links zum Ortsstempel im Abstand von 6mm eine jeweils 6mm breite Rändelführung in kleinsten Strichstrukturen, die teilweise sogar zum Stempel hin als zarte rötliche Strichleisten miteingefärbt  imponieren.

Ein Zeitungsartikel nach 3monatigem Betriebsversuch schildert recht interessante und kuriose Begebenheiten über den ersten Einsatz des  Münzfreistempler in Berlin W 15.  
Nach eigenen  Beobachtungen an Münzwertzeichendruckern, ABAS- Systemen und PDL- Automaten sind die unkundigen Postkunden und  besonders die Postautomationssammler die härtesten und unbarmherzigsten Gerätetester. Kein Mitarbeiter des Automatenherstellers oder des Posttechnisches Zentralamtes kann oder konnte sich  solche Bedienungsabnormitäten einfallen lassen, wie der oben beschriebene „Gerätekundenkreis“! So auch am Gerät in Berlin W 15. Die Techniker mussten mühsam ein Wollknäuel entfernen, das zwar verpackt, aber für den Automaten ungeeignet war. Auch ein Fingerhut war für den Münzfreistempler im Umschlag  im wahrsten Sinne eine unverdauliche Angelegenheit.

Nach dem Abbau am Postamt W 15 startete der Automat erneut am 22. Februar vor dem stark frequentierten Postamt in Berlin- Neukölln zum zweiten Betriebsversuch.

Während in der Berliner Tagespresse  der Betriebsversuch des Francotyp Münzfreistemplers  am Postamt W 15 durchaus begleitend  kommentiert  wurde, war der 2. Einsatz zur Erprobung am Postamt Berlin- Neukölln öffentlich  ein weitgehend unauffälliges Ereignis.
Der dortige Einsatz lief nach neuester Erkenntnis vom 22.2.1955 bis zum 17.7.1955. Im Freistempel wurde nur der Ortsstempel gewechselt in (1) Berlin- Neukölln 1 statt (1) Berlin W 15, ansonsten ist keine Veränderung zu  registrieren. Neuköllner- Briefbelege sind etwas seltener als Belege vom Standort W 15, aber dafür gibt es hier die höchste bis dato bekannte Wertstufe  des Francotyp- Münzfreistemplers zu vermelden als 90Pfennig- Luftpost – Weltbrief 2. Gewichtsstufe nach Spanien aus der Sammlung von P. Koegel, Berlin.


                                            
Die Drucksachenverwendung mit Datum vom 5.5.55 zeigt das bekannte Stempelbild im Wertrahmen und Werbetextbereich und den geänderten Ortsstempel mit  Berlin- Neukölln 1.


                                        
Vom gleichen Tag mit gleicher Adresse die Ortspostkartenverwendung  in der 8Pfennigwertstufe. W. Ritter als Empfänger tauchte schon in der Münzfreistempelserie aus Berlin W 15 auf und zeigt uns damit, dass hier aufmerksame Postautomationssammler die Szene auch am neuen Standort Neukölln beobachtet und dokumentiert haben.


                                           
Die 10Pfennig- Freistempel- Wertstufe als Drucksachenversendung in die USA mit Datum vom 2.4.1955.



                                        
Bei der Ortsbriefverwendung in der 10Pfennigversion an das Versorgungsamt I in Berlin sollte man von echtem Bedarf ausgehen können, der nicht im Papierkorb gelandet ist.


                                     
       
Auch diesen Standort hat W. Simon aus Memphis, USA in der 40Pfennig- Weltbriefportostufe für seine Sammlung belegt (Kontrast verstärkt zur besseren Darstellung).

Bisher nicht dargestellt aber gleichsam möglich wie bei dem Münzfreistempler von Hänel&Schwarz aus der Zeit von 1931 bis 1938, war die Zusatzfreimachung mit Briefmarken. Aber beim Francotyp- Münzfreistempler war das Wertstufenspektrum nicht auf 9 Werte begrenzt und die Zusatzverwendung von Briefmarken ist seltener anzutreffen.


                                      
Hier einmal die Kombination Briefmarke und Freistempelabschlag vorgestellt in einem Ersttagsbrief vom 24.8.1954 vom Standort Berlin W 15 portogerecht mit 5Pfennig Briefmarke Otto Lilienthal aus der Serie „Männer aus der Geschichte Berlins“ und 5Pfennig- Münzfreistempler  als gesamt 10 Pfennig Ortsbriefporto.

Man trifft auch gelegentlich auf Blankoabschläge des Münzfreistemplers speziell vom Neuköllner- Standort s. folgendes Beispiel mit frühem Datum vom  4.3.1955 aus Neukölln.


                                             

Nach einer Presseverlautbarung  zum Münzfreistempler sind diese als Erstattungsnachweise  oder Postquittungen zu verstehen. Die Erklärung liegt in der Verwechslung nicht weniger Kunden des Barfreimachungsbriefkasten mit einem Briefmarkenautomaten also Postwertzeichengeber! Nach Geldeinwurf und vergeblicher Suche von Briefmarke oder zumindest Rückgeld bestand während der Dienstzeit im Postamt die Rückgeldgabemöglichkeit des eingeworfenen Portobetrages. Der  Postbeamte fertigte korrekterweise durch den Automaten einen Erstattungsnachweis als Blankoabschlag durch den Freistempler über den eingeworfenen und zurückgezahlten Betrag an. Aus Gründen dieser Verwechslung  favorisierte Francotyp auch den Namen „Frankier- Automat“. Eine Änderung kam nicht mehr zum Tragen. Im Gegensatz zum amerikanischen Schwestergerät „Mailomat“ konnte sich der Münzfreistempler nicht durchsetzen und der Betriebsversuch endete am 17.7.1955. Vielleicht spielte auch eine Missbrauchsmöglichkeit eine gewisse Rolle durch untergeschobene Briefe. Das Einlegefach erlaubte durchaus zwei oder drei geschichtete Briefe gleichzeitig einzulegen. Dann wurde dem Automaten Versagen vorgeworfen in der Abstempelung, denn der oberste freigemachte Beleg öffnete  den Briefeinwurf für die heimlichen Begleiter und das  Nachporto wurde verweigert.

Die Einführung der Berliner Automatenbriefmarke 1987 veranlasste die „Gemeinschaft für Gegenwartsphilatelie e.V.“ dem Münzfreistempler als historischen Vorläufer der Strassenpostautomaten  mit drei Privatganzsachen zu gedenken.
Fast visionär zeigt die Ganzsache von 1987 mit Verwendung der 120Pfg. Schloss Charlottenburg als Briefmarke und den Münzwertzeichendrucker Klüssendorf 631 im Sonderstempel und der Illustration eines Freistempelabschlages des Münzfreistemplers Francotyp mit Datum vom 2.9.1954 Berlin W 15 die Kombination von zwei Strassenpostautomaten, die fast 20 Jahre später im „Automatischen Briefannahmesystem ABAS“  erstmals von der Funktionsweise her in einem Automaten zusammengeführt wurden.

             
                                         

Privatganzsache der Gemeinschaft für Gegenwartsphilatelie (120Pfg.Schloss Charlottenburg) mit Illustration Münzfreistempel 1954 und Münzwertzeichendrucker im Sonderstempel vom 4.5.1987 unter Zusatzfrankatur 200Pfennig Automatenmarke Berlin mit Ersttagsverwendung.


Ab 5.12.1995 bis zum 27.06.1997 wurden in einem Betriebsversuch der Firmen Siemens- Nixdorf, Olivetti und IBM Briefannahmesysteme (ABAS) getestet, die gleichzeitig freistempelten und auch Automatenbriefmarken über eine Tastatur abgaben. Im ABAS- System der Firma Nagler waren  diese beiden Vorgänge und Automaten getrennt.
S. nachfolgende Kapitel.



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